Donnerstag, 28. Mai 2015

Karl May und der unschuldige Leser - Zu Josef Winkler

Josef Winkler, Winnetou, Abel und ich, Suhrkamp 2014.

Ich sitze am Nil bei Hühnchen an Banane und plaudere mit einem Rucksackreisenden aus Bordeaux, den ich gestern im Totentempel Ramses’ III. kennengelernt habe. Er meint, er vermisse die Momente der kindlichen Lesesucht, als er sich ganz frei spintisierend, begeistert durch Romane bewegen konnte, die ihn jetzt nur noch in den Zustand der Langeweile und intellektuellen Unterforderung versetzen. Tatsächlich, denke ich mir, er hat recht. Da könnte ich mir doch nur allzu gut erregt, freudig, jubilierend Kara Ben Nemsi vorstellen, wie er auf seinem wilden Nilhengst reitend mit bloßer Faust ein Krokodil erlegt, und doch zeigt schon diese satirische Perversion meiner Fantasie, dass ich keine zehn Seiten Karl May mehr über mich brächte, von Tolkien usw. gar nicht zu reden, selbst wenn ich, alle meine Krampfadern weintraubenrot angeschwollen, versuchte wie Arno Schmidt oder Hans Wollschläger den Herrn von Radebeul zur literarischen Größe zu erheben, wider mein besseres Wissen, sodass nun endgültig das unschuldige Leseerlebnis meiner Kindheit verloren ist und nur ein wenig warme Wehmut an seine Stelle treten kann.

Ich genehmige mir einen Schluck Guavasaft, einen Schluck voller ohnmächtiger Seufzer, da wird mir klar, dass Josef Winkler eben gerade das vermag, die scheinbar unwiderruflich vergangene Unschuld der Karl-May-Lektüre gar den bittersten Satirikern wiederherzustellen, durch den Kniff der Nacherzählung und die Kunst des literarischen Kontrasts. Hühnchen und Banane sind mit einem Wisch vom Tisch gewischt, in die Schlünde des Nils gewischt, und bitte sehr, da sitze ich schon an dieser Notiz. 

Winnetou, Abel und ich besteht aus einer einleitenden Erzählung und vier Nacherzählungen. In der einleitenden Erzählung finden wir uns im altbekannten Winklerschen Kärnten wieder, dessen Bewohner typischerweise in diversen Ställen faulig am Strick hängen, und hängen sie noch nicht, so gehen sie immerhin täglich am Höllenbildnis des Herrn Pfarrer vorbei, wo der Teufel flattert wie eine Fledermaus, um ausgewählte Sünder besonders zu peinigen. Vor diesem Hintergrund erzählt Winkler, wie er sich, in ebendieses Kärnten hineingeboren, durch all die Karl-May-Bände las, die er sich auf prekäre Weise beschaffen konnte. In den vier Nacherzählungen finden wir uns dann im altbekannten Wilden Westen Karl Mays wieder, zwischen Apatschen und Komantschen, bösen Bleichgesichtern und guten Rothäuten und vor allem natürlich den ewigen Freunden Old Shatterhand (Deutscher) und Winnetou (Apatsche). Winkler konzentriert sich auf die wesentlichen Handlungsstränge von Winnetou I-III und Weihnachten mit Winnetou und: erzählt schlicht und einfach die Geschichten Karl Mays.

Dabei unterlässt er es, diese Geschichten zu ironisieren, ad absurdum zu treiben oder sonstwie lächerlich zu machen. Eleganter natürlich als im Original, aber durchwegs in Karl Mays Tonfall wird hier also erzählt, wie Old Shatterhand Winnetous Vater, Intschu Tschuna, im Wettschwimmen besiegt, wie Santer Nscho-Tschi, Winnetous Schwester, und Intschu Tschuna erschießt, wie Winnetou Rache schwört, usw. Der Effekt ist großartig. Jetzt können wir bei Winkler tatsächlich Sätze lesen wie „Winnetou stirbt als Christ!“, Sätze, die in ihrer Blödsinnigkeit anderswo auf kein Pardon vor seiner bösen Zunge hoffen könnten, hier aber, in der Nacherzählung, ganz simpel und ernst vor uns stehen, wie bei Karl May. 

Natürlich wissen wir, dass diese Sätze blödsinnig sind, denn die einleitende Erzählung sorgt dafür, dass uns der Hintergrund des vom Katholizismus und der intellektuellen Dumpfheit kujonierten Winklerschen Kärnten immer im Bewusstsein bleibt, und die moralisierende Flachheit Karl Mays passte wunderbar in dieses dumpfe Kärnten. Aber das ist hier nicht der relevante Aspekt von Mays Romanen, oder sagen wir, es ist nicht ihr relevantester Aspekt. Wichtiger ist, dass sich in den Nacherzählungen eine liebevolle Behutsamkeit gegenüber dieser Welt des Wilden Westens ausdrückt, die im Kontrast zu Winklers gnadenloser Betrachtung alles anderen steht, da die farbenfrohe Fabuliererei Karl Mays eben auch mit der Abgestumpftheit des Winklerschen Kärntens kontrastiert. Zuletzt schafft Winkler es durch diesen Kontrast, eine Illusion jenes unschuldigen Lesen heraufzubeschwören, das uns entzogen schien: Nach Ansicht all der Schrecken, die in der einleitenden Erzählung vor unseren Augen daherdefilierten, stürzen wir uns wie aus der Sommerschwüle in die Indianerwelt, wie in die ladenden Wellelein, und gedankenlos erfrischt uns die fröhliche Spintisiererei. Es ist zwar nur eine Illusion, da wir nun Bücher wie diejenigen Winklers gelesen haben und der Einfältigkeit Karl Mays nicht mehr trauen, aber eine Illusion, die wir gerade lange genug aufrechterhalten können, um eben abzutauchen in diesen Nil.